Felix Gottwald: Die Lust am Sieg

"Ich muss auf meine Lebensbalance achten." Foto: Chris Singer

Wie wertvoll ist ein Sieg, wenn der Zweite nur einen Wimpernschlag hinter dir liegt? Olympia-Star und Erfolgsautor Felix Gottwald erklärt es im Interview

Jedem sein Sieg. Keine Frage. Oder doch? Eine. Nämlich diese: Ist dieser Sieg wirklich ein Sieg, wenn der Zweitplatzierte, pointiert formuliert, um eine Hundertstelsekunde hinter dir liegt? Und damit verbunden eine weitere: Darf die Bilanz eines Sportjahres – oder im Falle von Olympia: die Bilanz von vier Jahren – wirklich von Augenblicken bestimmt werden? Fragen, die sich auf das Allerfeinste mit Österreichs erfolgreichstem Olympioniken, Felix Gottwald, diskutieren lassen. Aus mehreren Gründen: 1. musste er sich einst von Ski-Legende Franz Klammer nach den Spielen in Salt Lake City (2002) sagen lassen, dass drei Bronzene null Bedeutung haben (weil bei Olympia eben nur die Goldenen zählen), 2. hat er bei Olympischen Spielen schlussendlich doch Goldene in ausreichender Zahl (nämlich 3) gewonnen, und 3. lehrt er in der Therme Loipersdorf die Kunst des Loslassens. Die Erkenntnis aus unserem Gespräch: Die Hundertstelsekunde hat ihre Bedeutung, allerdings eine andere als angenommen.

Ist ein Sieg mit einer Hundertstelsekunde oder ein paar Zentimetern Vorsprung nicht ein sinnloser Sieg?
Diese Frage habe ich mir selbst oft gestellt. Aber was steckt dahinter? Noch mehr Fragen natürlich. Fragen wie: Was macht Spitzensport aus? Geht es um mehr als das Ego? Und was hat das alles noch mit der Begeisterung zu tun, die dich als Bub angetrieben hat?

Deine Antworten auf, hm, deine Fragen?
Ich erinnere mich an einen Tag, an dem ich eine Goldmedaille gewinnen sollte. In der Früh ist mir bewusst geworden, dass es um den Weg geht und nicht zwingend um den Sieg. Ich war innerlich also schon in der Früh Olympiasieger. Später dann auch in der Realität. Mit elf Sekunden Vorsprung. Hundertstel hin oder her: Wo gemessen wird, gibt es auch einen Sieger.

Wenn du aber statt Gold nurSilber gewonnen hättest, wäre der Tag für dich in deiner Erinnerung genauso wertvoll?
Jein. Im Endeffekt war der Spitzensport nur eine Vorbereitung auf das, was ich jetzt tue.

Also so etwas wie eine wilde Phase, in der wir Nichtsportler uns üblicherweise dem süßen Nichtstun oder süßen Sinnlosigkeiten hingeben?
Das ganze Leben ist eine Lernphase. Spitzensport auch. So wird er aber nicht betrachtet, sondern reduziert auf Momentaufnahmen, auf schneller, höher, weiter; gewinnen oder verlieren. Das tut mir in der Seele weh. Sport lässt sich nicht nur mit Zahlen und Statistiken erfassen …

Wird er aber üblicherweise, was geradezu surreal erscheint, wenn man darüber nachdenkt, dass eine Hundertstelsekunde über die Bilanz eines Sportjahres entscheidet. Der Marcel Hirscher beispielsweise
… der „muss“ eine Goldene holen …

„Wo gemessen wird, gibt es auch einen Sieger.“ Bild: Singer

… genau …
… so wie der Klammer Franz mir gesagt hat, es zählt nur die Goldene, nachdem ich in Salt Lake City drei Bronzene gewonnen habe.

Ist das nicht völlig verrückt?
Völlig! Das ist das Spiel an Olympia: Die Massentrance, weil die Spiele nur alle vier Jahre stattfinden. Ein Vierfachjackpot im Lotto löst auch was anderes aus als eine stinknormale Runde. Obwohl es ja eigentlich ums Selbe geht …

Was bleibt von einem Jahr, wenn man keine Medaille gewonnen hat?
Ich habe am meisten von jenen Erlebnissen gelernt, wo ich komplett eingefahren bin und ganz unten war. Wenn du ganz unten bist, bist du einem Sieg so nah wie nie. Weil du da etwas verändern musst! Mir ist es 25 Tage vor den Spielen in Turin (2006, Anm.) so gegangen. Ich war im sportlichen Niemandsland. Und habe gewusst: Wenn ich jetzt nichts ändere, geht sich mein sportlicher Traum nicht aus.

Die entscheidende Erkenntnis?
Das einzig wirkliche Erfolgsprinzip: Ursachen nicht irgendwo suchen, sondern bei mir selbst. Selbst-Vertrauen …

Muss man als Spitzensportler ein Egomane sein?
Egoismus wird in unserer Anpassungsgesellschaft absichtlich falsch interpretiert. Ich trage seit kurzem Verantwortung für meine kleine Tochter. Will ich für sie gut da sein, muss ich zuerst einmal für mich gut da sein.

Was soll das heißen?
Ich muss auf meine Lebensbalance achten. Es hilft niemandem, wenn ich 24 Stunden am Tag für die Kleine da bin, aber meine Bedürfnisse missachte. Egoismus im Sinne von „Ich schau drauf, dass ich hab’, was ich brauch’“ ist etwas Teamdienliches. Die Basis, um überhaupt für jemand anderen etwas tun zu können.

Du hast einmal geraten, „Lärm und Tempo zu reduzieren, um wieder ein Gespür für die eigene Wahrheit zu kriegen“ – geht das überhaupt, bei dem Tamtam das bei Olympischen Spielen produziert wird?
Oder wie geht das? Indem du übst, deine eigene Präsenz wahrzunehmen. Wenn du bewusst ein- und ausatmest, ohne in Gedanken abzu­schweifen, zum Beispiel. Wer es schafft, den Wahnsinn am besten auszublenden, gewinnt am ehesten die Goldene.

Wäre dein Leben so verlaufen, wie es verlaufen ist, wenn du bei Olympischen Spielen nicht drei Gold­medaillen geholt hättest?
Weiß ich nicht. Meine Erfolge im Spitzensport waren ein Türöffner. Durchgehen musst du selber.

Wie weh tut ein zweiter Platz, oder gar ein vierter?
Ich habe mich über 15. Plätze oft mehr freuen können als über Siege …

… und wenn ich jetzt sag’, das glaube ich dir nicht?
… bleib ich dabei. Leben heißt Auf und Ab. Du kannst lernen, davon innerlich unabhängiger zu werden. Nur die Öffentlichkeit wertet sportliche Ergebnisse isoliert, du selbst erlebst sie im Zusammenhang mit deiner ganzen Lebensrealität. Drum gibt es Momente, wo ein zweiter Platz genauso wertvoll ist wie ein Sieg.

Warum wollen wir überhaupt siegen?
Weil wir in unserer Einzigartigkeit gesehen werden wollen. Sich mit den Besten der Welt zu messen, ist dafür eine gute Idee. Es gibt beim Skispringen nichts G’schisseneres als einen Sprung, wo du nicht ins Fliegen kommst. Aber wenn es dir gelingt, nur für den Bruchteil einer Sekunde die Schwerkraft aufzuheben, dann weißt du, wofür du springst. Oder wenn du beim Laufen mit einer Power in Kontakt kommst, die nicht nur deine eigene ist. Da ist dir am Ende wurscht, ob du eine Hundertstel vorne bist oder nicht …

… weil dann diese andere Hundertstel zählt …
… genau, dieser ganz besondere Augenblick, wo du plötzlich wieder weißt, warum du als kleiner Bub mit dem Sport begonnen hast.

Geboren am: 13. Jänner 1976 in Zell am See Wohnort: Ramsau am Dachstein Größe/Gewicht: 179 cm, 69 kg Familienstand: glücklich mit Alexandra und Tochter Hannah Hobby: Leben Erfolg: Was aus unseren Gedanken, Gefühlen und Handlungen „er-folgt“ Essen: sehr gerne Getränk: auch sehr gerne Ort: daheim Buch: „Ein Tag in meinem Leben“ Musik: momentan die Stille Vorbild: meine kleine Tochter, weil sie der Inbegriff des Vertrauens ist Schwäche: Ungeduld Stärke: Konsequenz, Intuition, Lebensmotto: Atmen