WANDA: Nr. 1 in den Charts!

Blumenkinder mit urbanem Appeal: Manuel Christoph Poppe und Marco Michael Wanda /// Foto: Lukas Beck

Erst „Amore“, dann „Bussi“ – Wandas zweites Album ist bereits Nummer eins in den Austro-Charts, in Deutschland ist es auf Platz 5 eingestiegen. Hier das Interview zum Erfolg mit Marco Michael Wanda und Manuel Christoph Poppe

Fünf Buchstaben mussten es sein. Fünf Buchstaben. Wie bei Elvis. Wie bei ­Falco. Wie bei den Doors. Fünf Buchstaben – ein Name: Wanda. Inspiriert von der wilden Wanda, einst wienberühmte Zuhälterin, ja, Zuhälterin (starb im September 2004 mit 57), haben fünf Buam unsere Herzen erobert. Sie haben uns „Amore“ gegeben und sehnen sich jetzt nach nur einem „Bussi“ – wo sie doch ohnehin alle Welt zum Abbusseln findet.  Das wissen sie natürlich, und sie ahnen und sie fürchten, „dass alles noch viel größer wird“ und wollen doch gleichzeitig eine „heraus­ragende Geschichte“ hinterlassen – dafür brennen sie (und deshalb leuchten sie).

Geh’n wir’s ganz persönlich an: Ich wär’ immer gern Rockstar geworden, hab’s aber nie geschafft. Was habt ihr richtig gemacht? Wir haben die richtigen Menschen gefunden, die an uns geglaubt haben. Und wir haben weniger in Flaschen gepisst und mehr an der Musik gearbeitet.

Auch zum richtigen Zeitpunkt, oder hätt’s immer funktioniert? Das hätte immer funktioniert. Unsere Lieder sind eingängig, die haben fast etwas Kinderliedartiges.

Absicht? Oder könntet ihr auch anders? Ich kann nicht anders, und ich bin sehr froh darüber.

Ihr spielt dieses Jahr 130 Konzerte, wird das nie langweilig? Überhaupt nicht. Das ist es, was dem Ganzen eine Seele gibt.

Schon mal an eine längere Pause gedacht? Nein, die wird es nie geben, aber so arg dicht wird der Tourplan nie wieder sein.

Hat sich das Leben für euch in den vergangenen Monaten verändert? Es passiert schon, dass wir auf der Straße angesprochen werden. Manuel: Aber ich kann mir immer noch in Ruhe beim Billa ein Semmerl bestellen.

Macht der Erfolg glücklich? Natürlich. Aber es ist nicht die Anerkennung. Bewundert zu werden, darauf scheißt jeder. Es ist diese Energie im Publikum, die sehr glücklich macht.

Welche Erwartungen habt ihr an das neue Album, geht’s noch größer? Manuel: Ich fürchte, da ist noch viel Luft nach oben. Marco: Und ich fürchte, dass das noch  größer wird, vor allem in Deutschland und der Schweiz.

Man wird von einer Station zur nächsten geboxt, man wird härter.

Wer boxt? Wenn’s groß wird, alle.

Das glaub’ ich nicht. Das Einsamsein, das Unterwegssein ist nicht nur leiwand. Wir spielen ein Konzert, dann fahren wir weiter, und dann spielen wir wieder, und dann fahren wir wieder weiter.

Klingt langweilig. Nein, Rock’n’Roll ist Reisen. Rock’n’Roll war immer schon mit einer geistigen und physischen Reise verbunden. Man lernt viel über sich selbst, die Welt, und man sieht so viel.

Was habt ihr denn gelernt? Einiges. Ich komm’ besser mit mir zurecht.

Weil du abgelenkt bist von dir? Nein, im Gegenteil, weil ich ständig auf mich zurückgeworfen werde. Und man lernt, mit Menschen umzugehen.

Muss man sich mit deinen Texten ernsthaft auseinandersetzen oder reicht es, mitzusingen? Das sind alles Singalongs, so gospelartig. Ich glaub’ aber, dass sich unter der vermeintlichen Einfachheit auch die eine oder andere Lebensweisheit verbirgt.

Siehst du dich als Dichter, du verweist ja gerne auf Rimbaud, Camus oder Hemingway? Ich habe schon literarische Ambitionen gehabt, immer, aber seit ich ein Interview von Peter Turrini gelesen hab’, wo er meinte, wenn er nicht schreibt, muss er sterben, denke ich, dass ich kein Dichter sein kann – so weit ist es bei mir nicht.

Wie schreibst du deine Sachen? Ich schreibe sie ja gar nicht. Ich habe sie im Kopf, ich habe noch nie eine Textzeile niedergeschrieben.

Wirken deine Texte deshalb manchmal bruchstückhaft? Kann sein, ich nehme sie auch nicht mehr auf. Ich muss mir alles merken. Wie die Beatles. Da war deren Geheimformel. Wenn man ein Lied auch noch am nächsten Tag im Hirn hat, dann muss es ein Ohrwurm sein.

Seid ihr jetzt reich? Das Finanzamt, nächstes Jahr. Manuel: Wir müssen keine Nebenjobs mehr annehmen.

Das Tellerwaschen haben wir jetzt hinter uns, das macht der Geschirrspüler.

Was macht ihr mit dem Geld? Auf die Steuer vorbereiten, auf die erste große Zahlung. Manuel: Die Hälfte auf die Seite legen. Marco: Mein Steuerberater hat mir gesagt, „du setzt dich jetzt vor einen Euro und meditierst so lange, bist du gecheckt hast, dass das nur 50 Cent sind“.

Nie Lust, Geld für etwas Verrücktes zum Fenster rauszuwerfen? Ich hab’ mir das erste Mal in meinem Leben selber Schuhe gekauft. Bisher hab’ ich sie immer zu Weihnachten oder zum Geburtstag geschenkt bekommen. Ich bin sehr sparsam. Ich habe daheim kein Internet. Ich gebe fast nichts aus – ein bisserl Schnaps, ein bisserl Bier, ein bisserl Wein, und eine Taxifahrt hie und da. Manuel: Ich geh’ essen, das ist der Luxus, den ich mir gönne. Ein Auto wär’ für mich zu gefährlich. Ich hab’ zwar den Führerschein gemacht, aber ich hab’ mich nie wohlgefühlt – so aus dem eigenen Körper hinauszutreten und zur Karosserie zu werden, diese Vorstellung hat mir nie so gefallen.

Wenn ihr demnächst wieder unterwegs seid, werdet ihr nicht mehr selbst fahren müssen, sondern chauffiert. Dann haben wir einen Luxusnightliner, wo man wie in einem Raumschiff eingebettet ist.

Ihr wart ja bisher auch sonst sehr bescheiden unterwegs, vor allem was euer Equipment anbelangt? Wir sind berühmt dafür, das wir mit so kleinen Kastln kommen, wo andere Bands mit einem Lkw auffahren. Das war alles ziemlich Punk in diesem Jahr. Auf der Kraftklub-Tournee haben wir 11.000 Leute mit einem 10-Zoll-Gitarrenverstärker beschallt. Manuel: Mittlerweile ist er größer.

Aus Naivität so auf Reisen gegangen? Hat sich immer so angefühlt, als müsste man das so tun. Das war alles Instinkt.

Schnaps. Kommt in eueren Liedern immer wieder vor. Wie wichtig ist Alkohol? Ha, schon. Ist schon Teil des natürlichen Verlaufs des Lebens. Nur nicht nach dem Essen. Das ist dilettantisch. Schnaps niemals zur Verdauung.

Schnaps trinkt man also nur des Schnapses wegen. Ja, zum Beispiel einen schön angesetzten Zirbenschnaps am Abend, vielleicht ein oder zwei Gläser. Die Alkoholiker-Partie sind wir nicht.

Ist der Rausch wichtig? Der Rausch ist das Allerwichtigste. Aber dazu braucht man nicht unbedingt Genussmittel. Das kann auch ein Lied sein, sich irgendwie versenken, kurz abtauchen.

Sagen dir deine Bandkollegen eigentlich auch, dass ein Lied ein Mist ist, wenn sie es finden? Wenn’s Mist ist, würden sie mir es sagen, ist aber noch nie passiert.

Der Manu sagt immer, ein schlechtes Lied begeht Selbstmord.

Wie ist sich das aktuelle Album während der vielen Konzerte ausgegangen? Tageweise, immer irgendwie dazwischen. Es war auch schon einiges da, als das erste erschienen ist.

Bussi – das aktuelle Wanda-Album
Bussi – das aktuelle Wanda-Album

Wann ist die Entscheidung gefallen, nach knapp einem Jahr ein zweites Album nachzuschieben? Keine Ahnung, aber wir hatten irgendwie das Gefühl, dass man das so macht.

Ihr hättet aber auch mit dem ersten noch eine Zeit lang auskommen können. Hätten wir, wär’ aber langweilig gewesen. Wir wollen ja eine herausragende Geschichte hinterlassen. Voll reinpulvern, damit es alles zerreißt.

Du hast einmal gesagt, dass du extra eine Nummer für das zweite Album geschrieben hättest, weil ihr noch einen Hit gebraucht habt? Der kommt jetzt doch erst auf das dritte.

Wie geht ein Hit? Mein Produzent (Paul Gallister, Anm.) sagt immer, ein Hit ist ein Lied, das ins Herz sticht. Wenn etwas gut ist, merkt man es. Garantie gibt es aber keine. „Bologna“ hätte ich nie für einen Hit gehalten. Als ich es mit dem fertigen Video gesehen hab’, hab’ ich gewusst, das wird ein Hit. Da ist auch der Regisseur (Florian Senekowitsch, Anm.) kreidebleich geworden, der hat fast das Bewusstsein verloren und gesagt, „hast du eine Ahnung, was jetzt passieren wird?“

Paul Gallister – sehr wichtig für euch? Sehr wichtig, der hat aus mir einen Liedermacher gemacht.

Ich war ein nervöses, zappelndes, unsicheres Talent – er hat mir gezeigt, wie man etwas aus sich macht, wie man lernt, an sich zu glauben.

Gefunden habt ihr einander wo? In einem Lokal im zweiten. Ich bin irgendwie an seinen Tisch geraten. Da hatte ich den Traum Rockstar zu werden schon längst abgehakt. Er hat gemeint, spiel mir etwas vor, dann hab’ ich ihm zwei, drei Lieder vorgespielt. Und er hat gesagt, „he, du wärst ein Vollidiot, wenn du die jetzt nicht rausbringst.“

Wer ist der sechste Mann, der sich auf dem Bussi-Cover spiegelt, der große Unbekannte? Das werden wir vielleicht eines Tages lüften, dieses Geheimnis.

Ist es mehr als ein Gag, der gut für Verschwörungstheorien ist? Die Texte haben etwa Düsteres auf diesem Album, auch wenn sie in so einer Süßigkeit daherkommen. Wir wollten zeigen, dass einen nicht nur dieses Traumszenario, fünf Freunde gehen fischen, erwartet.

Seid ihr immer noch fünf Freunde? Immer mehr.

Kein Eifersüchteleien? Manuel: Ich bin froh, dass ich nicht in der Mitte stehen muss. Marco: Aber du bist eh ständig im Rampenlicht. Ich glaube, es gibt keine Band, wo sich die Anerkennung so gerecht auf alle verteilt. Manuel: Es fühlt sich jeder wohl an seinem Platz. Marco: Das ist fast boygroupartig.

Laufen euch eigentlich die Frauen nach, scharenweise? Manuel: Nicht mehr als vorher.

Marco, warum finden dich alle sexy? Das liegt an den inneren Werten. Oder am Hüftschwung. Ein- oder zweimal sind Mädels sogar schon bewusstlos geworden. Wenn Rock’n’Roll nicht sexy ist, ist er langweilig. Bei uns geht es trotzdem eher um die Musik und die Texte. Und darum, die Leute zum Tanzen zu bringen.

Wer tanzt, hat keine Angst.

Um das Bussi-Video hat es Sexismus-Vorwürfe gegeben, Absicht, ironisch gemeint oder ein kalkulierter Skandal? Weder noch. Feminismus ist ein wichtiges Thema, damit spielen wir nicht. Was soll’s, zum Teufel damit. Dass unser kometenhafter Aufstieg einigen in der Indie-Szene auf den Magen schlägt, nehm’ ich eher als Kompliment.

Apropos Kompliment: Wie hast du deine Stimme gefunden, deine Art zu singen? Ich habe immer in Bands gesungen. Am Anfang geschrien. Ich hab’ mir die Stimme kaputt gemacht. Ich war 18, als mir ein Arzt gesagt hat, du kannst nie wieder singen. Dann hab ich ein Jahr nicht gesungen, aber in dieser Zeit hat sich die Stimme entwickelt. Gesagt, nein, das nehm ich nicht hin. Und jetzt ist sie da und wird immer kräftiger.

Du musst nicht aufpassen? Nein, außerdem gehört ein bisserl Selbstzerstörung dazu, das ist Rock’n’Roll.

Ist es für euch vorstellbar, ein Leben ohne Musik zu führen? Jetzt nicht, nein, dieser ganze Körper schwingt schon und hat so viel Rhythmus, das wäre schwer – da würde mir das Herz brechen.

2016 spielt ihr in der Stadthalle – Größenwahn? Absolut realistisch. Auf jeden Fall wird es geil. Alles oder nichts – ich steht auf so was. Das wird der Höhepunkt im nächsten Jahr.

Auf  eurem neuen Album gibt es die schöne Zeile „Gib mir ein brauchbares Wort“. Ein brauchbares Wort für Wanda. Wanda ist gleich … Amore.

So leicht kannst du es dir nicht machen. Amore scheidet aus und Bussi auch. Wanda ist gleich Rotz. Manuel: Schweiß. (Ich hätte „Feuer“ gesagt, hätt’ auch fünf Buchstaben.)