Rolls-Royce: Jungfernfahrt durch Lettland

Um zu beschreiben, was einen Rolls-Royce ausmacht, gibt es einen eigenen Begriff: Waftability. Er steht für mühelose Lässigkeit (trotz beeindruckender Kraft). Eine Probefahrt durch Lettland

Wer sich zum ersten Mal in das weiche ­Leder eines Rolls-Royce sinken lässt, fühlt sich unweigerlich wie ein blinder Passagier; wie einer, der hier nicht hingehört; wie einer, der es nur einer glücklichen Fügung zu verdanken hat, dass er doch hier ist; wie einer, der in einer Welt Unterschlupf gefunden hat, die nicht die seine ist (und die sich ihm jetzt doch in ihrer ganzen Pracht offenbart und ihn in ihren Bann zieht).

Du streichst über das natürlich gekörnte Leder, die Türgriffe aus Edelstahl, das Edelholz, dessen besondere Struktur dank eines speziellen Verfahrens, das Canadel Panelling genannt  wird, besonders eindrucksvoll zur Geltung kommt, und du erfährst, dass die Spezialisten im englischen Goodwood neun Jahre dafür gebraucht haben, um es genauso hinzukriegen. Und dann wirfst du einen Blick nach oben – und dort, im Fahrzeugdach des Rolls-Royce Wraith leuchten die Sterne: 1.340 Fiberglaslichter, die von Hand in das Leder eingearbeitet wurden.

Du bist froh darüber, dass sich jetzt dein spanischer Kollege hinter das Lenkrad schwingt, um den Wraith aus der lettischen Hauptstadt Riga zu steuern, hinaus aufs Land, hinaus ans Meer. Und zwar deshalb, weil du so deine Rolle als blinder Passagier noch ein kleine Weile auskosten kannst und weil du Respekt hast vor diesem Auto. Denn es ist groß (526,9 Zentimeter), es ist breit (194,7 Zentimeter), es ist schwer (2.360 kg, unbeladen). Und es hat Kraft: 632 PS bringt der V12-Zylinder-Motor auf die Straße; 4,6 Sekunden braucht es, um von 0 auf 100 km/h zu beschleunigen. Wie sagte doch der CEO von Rolls-Royce Motor Cars, Torsten Müller-Ötvös bei der Präsentation dieses Modells: „Mit der Enthüllung des neuen Wraith präsentieren wir das kühnste Design, die dynamischste Performance und die höchste Motorleistung, die je ein Rolls-Royce mit der berühmten Spirit of Ecstasy besaß.“

Du rollst also durch Riga. Du hast die Jugendstilbauten gesehen, die berühmten Holzhäuser und den Dom. Du hast mit Staunen gehört, dass die lettische Hauptstadt bereits 1282 Mitglied des Kaufmanns- und Städtebundes der Hanse geworden war. Und als du die Stadtgrenze erreichst, weißt du, dass du wiederkommen wirst in diese 700.000 Einwohner zählende Baltikum-Metropole.

Was du nicht siehst, sieht dein Rolls-Royce. Das satellitenunterstützte Getriebe nutzt GPS-Daten, und es ahnt die nächsten Schritte voraus, indem es – basierend auf der exakten Position, aber auch dem Fahrstil des Lenkers – den optimalen Gang (8 stehen zur Verfügung) für den vorausliegenden Straßenabschnitt wählt: „Ganz gleich, ob Kurven, Autobahnauffahrten oder Kreisverkehre: Sie alle ­werden im Voraus erkannt, was bedeutet, dass der Wraith stets bereit ist, sein ­Versprechen zu halten und Leistung zu liefern“, heißt es aus Goodwood, „die noch bessere Rück­meldung des Antriebs bringt eine neue, noch dynamischere Facette in die legen­däre Rolls-Royce-Waftability.“

Waftability? Ja, Waftability. Ein Begriff, den sich Rolls-Royce als Marke hat schützen lassen, der das Gefühl unangestrengter Lässigkeit beschreibt, die die Rolls-Royce-Entwickler für sich beanspruchen, seit die beiden Firmengründer, Sir Frederick Henry Royce und Charles Stewart Rolls, bei einem Dinner im Speisesaal des Midland Hotels in Manchester beschlossen, ihren Beitrag zur Automobilgeschichte zu leisten. Sir Royce’ legendärer Spruch steht noch heute für die Firmenphilosophie: „Strebe nach Perfektion, in allem, was du tust. Nimm das Beste, das es gibt, und mache es besser. Wenn etwas noch nicht existiert, schaffe es.“

Längst sitzt du selbst am Steuer des Wraith. Noch immer sind seine Dimensionen beeindruckend. Aber mit jedem Kilometer, den du auf den lettischen Landstraßen zurückgelegt hast, ist dein Vertrauen gestiegen. Und als du an diesem heißen Sommertag auf dem Landsitz Rumene Manor aus dem Wagen steigst, während das Personal bereitsteht, um dir Handtücher zur Kühlung zu reichen, hast du verstanden, warum nur ein Rolls-Royce ein Rolls-Royce ist: Es ist seine Kraft, seine Eleganz, seine Lässigkeit. Und seine Qualität. Noch heute sind 70 Prozent aller jemals gebauten Wagen erhalten. Dazu kommt, dass kein Rolls-Royce einem anderen gleicht. Die sogenannte Bespoke-Kultur ist fest in den Wurzeln des Unternehmens verankert, und das bedeutet Individualisierung bis ins kleinste Detail. Umgesetzt wird alles, was die Fantasie (und die Straßenverkehrsordnung) erlaubt – vom Familienwappen, das sorgfältig von Hand auf das Leder jeder Kopfstütze gestickt wird, über individuelle Lackierungen (z. B. in der Farbe eines kandierten Apfels) bis hin zu einem ganz und gar schneeweißen Innenraum.

Du sitzt jetzt am Steuer eines Rolls-Royce Phantom Drophead Coupé, vor dir ein leuchtend weißer Sandstrand, das glitzernde Meer. Du rumpelst über einen Schotterweg auf ein mehrfach ausgezeichnetes Bauwerk zu, das zu Sowjetzeiten noch eine Fischfarm war, und als dir die Kühlerfigur, der berühmte Spirit of Ecstasy, ins Auge fällt, musst du grinsen. Du bist jetzt kein blinder Passagier mehr. Du bist der König der Welt. Und der Kapitän, der das Kommando übernommen hat.