Über die Mode: das Prinzip Waschmaschine!

Musterkopf – ein Bild aus dem Gucci Garden in Florenz ~ Bild: Wolfgang Wieser @checkitoutjoe

Vom schönen Schein und der Sehnsucht etwas Besonderes zu sein – wie die Mode funktioniert, warum wir uns ihr gerne ergeben und wie sie zu verstehen ist

Wer sich, nicht ohne Süffisanz, eine schamlose Waschmaschine nennt, verdient zweifelsohne Aufmerksamkeit. Aber was will uns Alessandro Michele, der gepriesene Kreativdirektor von Gucci, damit sagen? Dass er im Schleudergang arbeitet, hochtourig natürlich, und dass er in seiner Arbeit all das wiederholt, verdreht und neu zusammensetzt, was jemals in seiner Trommel gelandet ist.

Seine bunte Welt ist ein grandioses Sammelsurium von Klischees, wo sich eines zum anderen fügt – bis der Zusammenprall unüberbrückbarer Gegensätze in ein ohrenbetäubendes Finale mündet, ist in der italienischen Vogue zu lesen. Michele sagt:

„Kleidung ist unendlich interpretierbar, weil du mit jedem Wechsel oder auch nur jeder anderen Assoziation zu einem neuen Menschen wirst.“

Das Prinzip Waschmaschine also. Die Menschwerdung. Natürlich wäre es verlockend, im Zuge einer Modebetrachtung mit Adam und Eva und den Feigenblättern der beiden Paradiesvertriebenen zu beginnen. Die große und schöne Schauspielerin Claudia Cardinale, Jahrgang 1938, sagte einst:

„Wenn man bedenkt, dass die Mode mit einem Feigenblatt begonnen hat, sind wir schon fast wieder am Anfang.“

Das ist witzig, zugegeben. Ist aber nur eine Mini-Erklärung. Weshalb wir das Feigenblatt als abgetragen in den Mythologie-Schrank hängen und uns an Alessandro Micheles Arbeitsweise erinnern. „Alles, was mich inspiriert, und alles, was ich zitiere, egal, ob es einen Tag oder vierhundert Jahre alt ist, taucht zur selben Zeit vor meinem geistigen Auge auf – und wird so gegenwärtig. Es ist meine Gegenwart, meine Zeit und die einzige Sache, die ich beschreiben kann und will.“

Autor Wolfgang Wieser im Gucci Garden in Florenz ~ Bild: Wolfgang Wieser @checkitoutjoe.com

Rein also in die Trommel bunter persönlicher Erinnerungen und Assoziationen schleudern! Folgen Sie mir, bitte, in die frühen 1970er-Jahre – eine meiner Gegenwarten.

Meine Freunde sind Rapid oder Austria. Ausschließlich. Dafür besitze ich aus nicht mehr erinnerlichen Gründen eine Herrenhandtasche, auf die ich einen Admira-Wacker-Sticker geklebt habe. Damit werde ich erstens zum bestaunten, aber dankbaren Außenseiter und kann zweitens Fußballbegeisterung vortäuschen (wo nicht mehr ist als die Liebe zum täglichen Wiesenkick).

Nach zwei Tagen grenzenloser Langeweile wechsle ich von Admira Wacker zu den Bay City Rollers. Deren Dress ist ungleich spektakulärer: Dreiviertelhosen mit Schottenkaro-Applikationen! Eine Sensation, die zusätzlich an Bedeutung gewinnt, als die Herren behaupten, sie würden darunter nie, niemals Unterhosen tragen.

„Jede neue Mode ist ein Abenteuer“, sagt der französische Modeschöpfer Pierre Cardin, Jahrgang 1922. Mir weist das Schottenkaro der Rollers den Weg in eine bis dahin verborgene Welt. Ich verabschiede mich alsbald von Tom Sawyer und Huckleberry Finn und schaffe es, meine Eltern zu überzeugen, mir wahnsinnig spitze Schuhe mit wahnsinnig hohen Absätzen zu kaufen.

Frühmorgens wackle ich damit zum Bus, der mich ins Gymnasium bringt. Ein bisschen stolz, ein bisschen unsicher, auf einem Hauch gefühlter Einzigartigkeit schwebend als lebendes Beispiel eines Satzes des deutschen Soziologen Georg Simmel (1858–1918). In seinem berühmten Essay „Philosophie der Mode“ schreibt er im Jahr 1905, „dass die Mode der eigentliche Tummelplatz für Individuen ist, welche innerlich unselbstständig und anlehnungsbedürftig sind, deren Selbstgefühl aber doch zugleich einer gewissen Auszeichnung, Aufmerksamkeit, Besonderung bedarf“.

Dass sich ein Soziologe der Mode widmet, ist nur auf den ersten Blick erstaunlich. Kaum ein kluger Kopf, der sich nicht mit Schein und Sein samt entsprechendem Status beschäftigte. Oder wie Karl Lagerfeld, vermutlich Jahrgang 1933 (es gibt unterschiedliche Angaben, sogar von ihm persönlich), sagt: „Der Mode entkommt man nicht. Denn auch wenn Mode aus der Mode kommt, ist das schon wieder Mode.“

Ob Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder Heinrich Heine, Honoré de Balzac oder Charles Baudelaire, Friedrich Nietzsche oder Adolf Loos, Marcel Proust oder Walter Benjamin – kaum eine Geistesgröße, auf die das Lagerfeld’sche Diktum nicht passte. Ein Umstand, der mit Sicherheit auf die bis heute faszinierende Vielschichtigkeit der Mode zurückzuführen ist.

Der Schriftsteller Honoré de Balzac (1799–1850) notiert 1830: „Die Toilette ist zugleich eine Wissenschaft, eine Kunst, eine Gewohnheit, eine Gefühlssache.“ 182 Jahre später schreibt Sonja Eismann in „absolut Fashion“: „Obwohl sie (die Mode, Anm.) sich als ernst zu nehmender Forschungsgegenstand etabliert hat, ist ihr Wesen noch immer schwer fassbar. Im Gegensatz zu anderen kulturellen Feldern wie Bildende Kunst, Literatur oder Film hat Mode eine Art Schwellenexistenz zwischen allgegenwärtigem Gebrauchsgegenstand im Alltag, kommerziellem Produkt und künstlerischem Entwurf … Sie ist mittlerweile zentral für unser Verständnis von moderner Gesellschaft und Kultur.“ 

Ich tanze über die Schwelle. Bedaure, dass es unmöglich ist, den Look von Glam-Rockern wie T. Rex, Sweet oder Slade in mein banales Schülerleben zu integrieren, schaffe es aber, mein weidwundes Herz dank David Bowies „Ziggy Stardust“ zu kurieren. Mit den Sex Pistols, den Clash und den Stranglers, vor allem aber mit Joy Division lasse ich die 1970er-Jahre hinter mir. Ich trage ständig Schwarz. Wenn ich Ian Curtis’ (1956–1980) magischer Stimme lausche, zu DAF wie ein Verrückter die Arme schwinge oder mich im eiskalten „Ring“ auf ein Fass, das in dem Lokal als Sitzgelegenheit dient, hieve.

Irgendwann habe ich genug davon und kaufe mir drei Dinge, die ich mir damals gerade noch leisten kann: eine Sonnenbrille von Alain Mikli, eine rote Badehose von Dolce & Gabbana und ein Shirt von Helmut Lang. Drei Dinge, die mich – jedes für sich – etwas über die Mode lehren.

1. Ein Leben ohne Sonnenbrille ist möglich, aber mit ist es lässiger. 2. Wer etwas gilt, wie Helmut Lang (heute längst als Künstler anerkannt), darf dich fordern – das erschreckend teure Shirt darf nicht gewaschen, sondern nur mit Trockenpulver gereinigt werden. 3. Auffallen bedeutet, Häme zu riskieren. Die hautenge D&G-Badehose schürt Neidkomplexe. Warum ist mir bis heute ein Rätsel: War es die Ausstattung? Die Marke? Der erahnte Preis? 

Soziologe Simmel ist es, der feststellt, „dass Moden immer Klassenmoden sind, dass die Moden der höheren Schicht sich von der tieferen unterscheiden und in dem Augenblick verlassen werden, in dem diese letztere sich anzueignen beginnt. …

So bedeutet die Mode einerseits den Anschluss an die Gleichgestellten … und eben damit den Abschluss dieser Gruppe gegen die Tieferstehenden … Verbinden und Unterscheiden sind die beiden Grundfunktionen, die sich hier untrennbar vereinigen.“

Bis zur letzten Konsequenz hält allerdings auch Herr Simmel sein Von-oben-nach-unten-Modell nicht durch, denn er selbst schreibt, „dass die Demimonde vielfach die Bahnbrecherin für die neue Mode ist“. Sonja Eismann verweist in „absolut Fashion“ wiederum auf den US-Anthropologen Ted Polhemus, Jahrgang 1947, der in seinem Buch Streetstyle (1994) „die Verlockung des Realen“ betont. Soll heißen: Die Mode entsteht auf der Straße – und wandert dann nach „oben“.

Aktuell durchaus nachvollziehbar im postproletarischen Trainingshosen-Chic der Kollektionen von Ermenegildo Zegna, Neil Barrett, Philipp Plein, Paul Smith oder Prada – dazu passend: die Rückkehr der weißen Sportsocken, deren erstes Auftauchen, u. a. in einer Kollaboration des russischen Designers Gosha Rubchinskiy und Burberry, das Schlimmste befürchten lässt. Für Martin Pichler, der mit seinem Partner Manuel Rauner als Verdandy die österreichische Variante der Jogg-Jeans kreiert hat (und nach wie vor für Designer wie Giorgio Armani modelt), sogar seine erste Mode-Erinnerung. „Birkenstock mit hochgezogenen weißen Tennissocken. Ja, auch ich war schuldig“, fügt er amüsiert hinzu. Was umgehend zu einer besonderen, wichtigen Frage führt: Warum ist Mode oft so unfassbar hässlich?

Sie denken, das ist sie nicht. Natürlich ist sie das, Mode ist (auch) hässlich. Sagenhaft hässlich sogar. Warum sonst wären wir beim Anblick früherer Fotos (und das müssen nicht zwingend Bilder aus den 1980er-Jahren sein) in den meisten Fällen peinlich berührt? Weil wir aus der Distanz erkennen, wie unmöglich angezogen und wie verrückt frisiert wir uns unter die Menschen gewagt haben. „So hässliche und widrige Dinge sind manchmal modern, als wollte die Mode ihre Macht gerade dadurch zeigen, dass wir ihretwegen das Abscheulichste auf uns nehmen“, schreibt Herr Simmel. Und sein US-Kollege Thorstein Veblen (1857–1929) meint sogar:

„Dass man die jeweils herrschende Mode für schön hält, verdankt sie teils der Erleichterung, die man empfindet, wenn die alte endlich von einer anderen Mode abgelöst wird, und teils dem Umstand, dass sie Prestige besitzt.“

Wobei hier angefügt werden muss, dass Herrn Veblens diesbezügliche Erkenntnis darauf fußt, dass er davon überzeugt ist, dass „jegliche Verschwendung den angeborenen Geschmack“ beleidigt. Womit wir bei der hässlichsten Seite der Modeindustrie angelangt sind: dem Geld. Oder wie es Philosoph Günther Anders (1902–1992) formuliert: „Die Mode ist die Maßnahme, die die Industrie verwendet, um ihre eigenen Produkte ersatzbedürftig zu machen.“

Die Mode ist ein Geschäft, keine Frage. 2016 allerdings war ein „Jahr zum Vergessen“, wie es im State of Fashion Report 2017 (erstellt von Business of Fashion und McKinsey) heißt. Und das trotz eines weltweiten Gesamtwertes von rund zwei Billionen Euro (eine Zwei mit 18 Nullen). 

Zu kämpfen hat vor allem die Luxusindustrie. Denn ihre Erwartungen sind u. a. nach Einbrüchen in China deutlich gedämpft – maximal 1,5 bis 2,5 Prozent. Das ist besser als im Jahr zuvor (0,5 bis 1 Prozent), aber immer noch nicht gut genug. Prägend ist sie nach wie vor. Wie sehr, beschreibt ein wunderbarer Monolog von Meryl Streep als Miranda Priestly in „Der Teufel trägt Prada“.

Als ihre neue Assistentin Andrea (Anne Hathaway) an der behaupteten Unterschiedlichkeit zweier auf den ersten Blick sehr ähnlicher Gürtel zweifelt, legt sie los: „Sie sind der Ansicht, dass das nichts mit Ihnen zu tun hat. Sie gehen einfach an Ihren Schrank und greifen sich diesen – plumpen blauen Pullover zum Beispiel, weil sie der Welt damit sagen wollen, dass Ihnen Ihre Kleidung nicht so wichtig ist wie Ihre Persönlichkeit. Aber was Sie nicht wissen ist, dass dieser Pullover nicht einfach blau ist, auch nicht türkis oder lapis. Er ist nämlich azur und Sie haben nicht den blassesten Schimmer davon, dass Oscar de la Renta 2002 azurblaue Abendkleider entworfen hat … und plötzlich tauchte Azur in den Kollektionen von acht verschiedenen Designern auf. Anschließend sickerte es dann zu den gewöhnlichen Kaufhäusern durch und fand dann sein tragisches Ende in der Freizeitabteilung, aus deren Wühltisch Sie es dann irgendwann gefischt haben. Dieses Blau steht für Millionen von Dollar und zahllose Jobs. Und es grenzt fast an Komik, das Sie tatsächlich der Meinung sind, sich der Modewelt zu entziehen und das obwohl Sie einen Pullover tragen, der von den Menschen in diesem Raum für Sie ausgewählt wurde …“

Tatsächlich ist die nervöse Begeisterung, die Meryl Streep unnachgiebig zelebriert, stets spürbar. Besonders intensiv bei den großen Schauen in Paris, London oder Mailand. Diese Aufregung! Diese Unsicherheit! Diese Zweifel bis zur letzten Minute! Gianfranco Ferré (1944–2007) sagte: „Es ist Arbeit. Nicht Spielerei. Es braucht das perfekte Zusammenspiel zwischen Kreativität, Handwerk und Technik. Ohne Enthusiasmus geht aber auch nichts.“ Und wer sich erinnert, wie Anne Hathaway in „Der Teufel trägt Prada“ nach ihrer Transformation ausgesehen hat, versteht, warum sich dieser Enthusiasmus lohnt.

Engelsgleich – ein himmlisches Kostüm von Gucci für Björk ~ Bild: Wolfgang Wieser @checkitoutjoe.com

Warum Mode für so viele Menschen Bedeutung hat. Warum Geistesgrößen sich an ihr reiben (sie aber niemals als banal abtun). Sie bringt, um es mit dem US-Soziologen Harald Blumen (1900–1987) zu sagen, Ordnung in die Gegenwart (weil sie Standards definiert), befreit die Welt aus dem Griff der Vergangenheit (weil sie neue Wege eröffnet) und eröffnet einen Blick auf die Zukunft. „Wer sie zu lesen verstünde, der wüsste im Voraus nicht nur neue Strömungen der Kunst, sondern um neue Gesetzbücher, Kriege und Revolutionen“, schreibt Philosoph Walter Benjamin (1892–1940). „Zweifellos liegt hierin der größte Reiz der Mode.“