Farin Urlaub: Wie er Afrika entdeckte

Mursi-Frau in Äthiopien Mursi-Frau in Äthiopien

Farin Urlaub ist nicht in Urlaub gefahren, sondern auf Reisen gegangen. Mehr als zehn Monate war er in Afrika unterwegs. Das Ergebnis: zwei wuchtige Bildbände

Wer gerne in Bildbänden blättert, darf sich nicht nur über einen echten Urlaub (den Menschen und Musiker) freuen, er sollte im Fall des vorliegenden Doppelpacks auch Urlaub (also frei oder zumindest Zeit) nehmen. Denn die Lektüre ist nichts für Zwischendurch. Wer schaut, versinkt. Wer die einführenden Notizen zu den verschiedenen Ländern, die Farin Urlaub bereist hat, liest, fühlt sich einem Entdecker nah, der sich den Menschen mit großem Respekt und großer Freude nähert, wie zum Beispiel dem Volk der Benna in Äthiopien: „Benjamin schlägt vor, dass wir hierbleiben und eine Party schmeißen – eine blendende Idee! Ich spendiere also einen Ziegenbock, Tsegaye (wie Benjamin ein Begleiter Farin ­Urlaubs, Anm.) noch einen 20-Liter-Kanister T’ala-Schnaps, und das Dorf erwacht zu ungeahntem Leben. … Eigentlich habe ich die ehrenvolle Aufgabe, dem Tier die Kehle durchzuschneiden, aber mir wird schon beim Gedanken daran ganz anders … Am nächsten Tag gibt es – nach dem obli­gatorischen Regenguss – eine stundenlange und sehr lebhafte Fotosession, bei der uns die Dorf­bewohner auch stolz ihre Kinder und ihre Widder präsentieren; dankbar spende ich schließlich noch Geld für die Renovierung der Schule. Zum Abschied hält der Chief eine Rede, der Inhalt lautet etwa: Nimm Fremde freundlich auf, du weißt nie, was sie dir Gutes tun! Eine Botschaft, die man auch bei uns zu Hause verbreiten sollte.“ Eine ganz andere Botschaft verbreitet Herr Urlaub übrigens musikalisch mit seinem „Racing Team“, mit dem er parallel zu seinen Bildbänden eine aktuelle DVD zur jüngsten Tournee der zwölfköpfigen Band vorlegt. Weshalb wir auch mit einer Frage zur Hochgeschwindigkeitsshow beginnen.

Eure Konzerte haben Höllentempo, seid ihr so rasant unterwegs, um eurem Namen gerecht zu werden? Nein, das macht einfach Spaß. Aber es gibt auch Ruhepunkte, zwei oder zweieinhalb. Die Wahrheit ist, ich fühle mich einfach wohl mit Kraft und Geschwindigkeit in der Musik.

Konditionell keine Probleme, immerhin wirst du demnächst 52 (am 27. Oktober, Anm.)? Mit „Die Ärzte“ spielen wir dreieinhalb Stunden. Da sind die zweieinhalb beim Racing Team ein Nachmittagsspaziergang. Tatsächlich bin ich recht fit. Und ich renn ja auch nicht die ganze Zeit rum.

12 Leute auf der Bühne, ist das nicht der totale Irrsinn? Nein, weil alle außer mir gute Musiker sind.

Aber in „iDisco“ spielst du eine feine Flamenco-­Gitarre? Ja, aber was ich da spiele, ist wirklich sehr einfach. Als Kind wollte ich außerdem Flamenco-Gitarrist werden, bis mir wer gesagt hat, dass ich dafür jeden Tag acht Stunden üben müsste …

Bleiben wir bei „iDisco“: „Du wünschst dieser Welt, dass endlich Hirn vom Himmel fällt“, singst du. Wann fallen dir solche Zeilen ein? Wenn ich mich umsehe.

Ich denke den ganzen Tag nach. Ich bin ein neugieriger Mensch. Ich versuche Zusammenhänge zu verstehen und nicht, vorgefertigte Meinungen zu übernehmen.

Muss ein Künstler ein guter Mensch sein? Nein, Künstler sind nicht unbedingt auch gute Menschen, es gibt durchaus auch Unsympathen.

Du hast dich jüngst sehr deutlich gegen Fremdenhass und Rassismus ausgesprochen. Jemand hat mich nach meiner Meinung gefragt, und ich habe sie gesagt. Ich finde das völlig normal. Ich bin herumgekommen in der Welt, bin überall freundlich empfangen worden, und ich sehe, wie Flüchtlinge bei uns empfangen werden.

Bist du Tourist? Oder Abenteurer? Oder … Egal, ich brauche keine Definition, fragt mich auch niemand – bis auf Journalisten. In Afrika hat man mich vielleicht als weißen Freak, als Bleichgesicht gesehen.

Mit wem reist du? Meistens allein, zu zweit ist es viel anstrengender.

Wie? Ich habe einen Geländewagen mit einem Dachzelt, ­einen Kühlschrank und eine Wasserfilteranlage, Klamotten und Werkzeug, keine Klimaanlage, und damit fahre ich.

Wie lange warst du in Afrika? Diesmal viereinhalb Monate im Nordwesten, noch einmal sechs für den Rest.

Indien und Australien hast du jeweils in einen Bildband gepackt, warum brauchst du für Afrika gleich zwei? Wegen der enormen Informationsflut.

Einige der Länder, durch die du gereist bist, gelten als gefährlich. Angst? Ja, klar habe ich manchmal Angst, vor allem wenn die Leute Gewehre dabei haben.

Achteinhalb Kilo schwer: Zwei Bände in einem stabilen Schober, jeweils 352 Seiten, insgesamt ca. 700 Abbildungen, Format 30 x 30, Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag. Preis: 199 Euro
Achteinhalb Kilo schwer: Zwei Bände in einem stabilen Schober, jeweils 352 Seiten, insgesamt ca. 700 Abbildungen, Format 30 x 30, Schwarzkopf und Schwarzkopf Verlag. Preis: 199 Euro

Warum machst du deine Reisen zu Büchern? Weil ich es kann.

Meine Lieblingsantwort. Gibt es auch noch eine andere Moti­vation? Ich habe das Privileg, sehr viel von dieser Welt zu ­sehen. Über Afrika wollte ich einen Doppelband machen, der  ­Verleger hatte auch Lust darauf, also hat es geklappt. Geld kriege ich dafür nicht. Mein Honorar spende ich (wie auch schon nach den beiden ersten Bildbänden über Indien und Australien, Anm.).

Du zeigst Kinder, lachende Menschen, schöne Landschaften, Alltag — absichtlich kein Elend? Ich mache keine Elendsfotografie, ich sehe das Elend auch gar nicht. Ich will Afrikaner nicht als Opfer zeigen, ich vermittle mit voller Absicht ein positives Bild.

Bei einem Bild ist mir die Botschaft nicht klar: Da ziehen Männer ein Boot aus dem Wasser, andere schauen ihnen vom Strand aus zu, Möwen fliegen über ihren Köpfen. Diese Männer kommen vom Fischen, das Bild ist in einem sehr armen Teil Senegals entstanden. Wenn die Fischer heim ­kommen, ist das ein kleines Fest. Die Menschen dort sind echt gebeutelt, viele wollen weg von dort.

Sollen wir, soll also Europa Flüchtlinge aufnehmen? Ich stelle dir eine Gegenfrage: Stell dir vor, in und um Österreich explodieren acht Atomkraftwerke, würdest du bleiben oder weg wollen?

Ich würde natürlich weg wollen, aber ich bin sowieso der Meinung, dass das Glück eines Menschen nicht von der Gnade der Geburt abhängig sein darf. Die Leute kommen zu uns, weil sie überleben wollen, und das kann ihnen niemand verbieten (Farin Urlaub fällt jetzt in österreichischen ­Dialekt), und das soll jetzt zu Ende sein, weil wir Grenzen haben? Ich bin aber überzeugt, dass selbst viele von den Leuten, die jetzt gegen Migranten demonstrieren, sagen würden, „um Himmels willen, wir müssen helfen“ – würde man sie mit dem Leid der Flüchtlinge direkt konfrontieren. Nicht alle Menschen sind schlecht.

Schnitt, wieder hin zu einer launigen Frage: Stimmt es, dass du in deinen Videos zehnmal gestorben bist? Das kommt hin.

Spaß am Sterben? Nicht unbedingt, aber wenn Norbert Heitker, der Regisseur, es befiehlt, dann sterbe ich halt.