Jean-Marc Jacot: Der Philosoph von Parmigiani

Jean-Marc Jacot im Gespräch mit Autor Wolfgang Wieser

Musiker wäre er gerne geworden, oder Regisseur. Doch sein wahres Talent entfaltete Jean-Marc Jacot im Uhren-Business. Mit Parmigiani bringt er unsere innersten Seiten zum Schwingen

Er kann mit Hingabe über das perfekte Blau einer Hermès-Krawatte diskutieren oder ein inbrünstiges Loblied auf die schier endlose Farbenpalette der Natur anstimmen – und einen Augenblick später mit einer schnellen, wegwerfenden Handbewegung die für ihn nervenaufreibende Debatte beenden, ob eine Uhr 42 Millimeter im Durchmesser haben muss. Ein Widerspruch? Nein. Denn Details sind für Jean-Marc Jacot nur dann von Bedeutung – dann aber von immenser –, wenn sie dem Gesamtkunstwerk Uhr dienen. Das mag damit zusammenhängen, dass der heute 65-jährige CEO von Parmigiani

Jean-Marc Jacot, CEO von Parmigiani /// Bild: Homolka
Jean-Marc Jacot, CEO von Parmigiani /// Bild: Homolka

in Le Locle, der Wiege der Schweizer Uhrmacherkunst, geboren wurde. Doch viel wahrscheinlicher als die Gnade des Geburtsortes ist, dass es einfach seinem Naturell entspricht, die richtigen Fragen zu stellen, ganz wie ein antiker Philosoph. Hier allerdings beantwortet er -Fragen.

Wie viel Leidenschaft braucht eine Uhr? (lacht) Ich vergleiche unser Geschäft gerne mit der Arbeit eines Kochs. Wer Millionen von Uhren produziert, und das geht nur maschinell, braucht keine Leidenschaft, der braucht nur die passende Technik. Wer wie wir arbeitet, braucht wenig Technologie, aber sehr, sehr viel Leidenschaft. Wenn du jeden Tag für 2.000 Leute kochst, hat das nichts mit Leidenschaft zu tun. Du machst einfach nur Essen. Aber wenn du zu einem Chef gehst, der mit 20 Leuten in der Küche für 60 Gäste kocht, dann kannst du dir sicher sein, dass er sehr viel Leidenschaft besitzt.

In der Parmigiani-Küche stehen 600 Köche. Korrekt. Den Weg, den wir beschreiten, würde man in der Mode als „Ready to wear“ bezeichnen – mit Haute Horlogerie wäre es nicht möglich, mit so vielen Mit-arbeitern zu überleben. Und es ist wichtig, eine Marke zu schaffen – aus einem einfachen Grund: Die Konsumenten mögen Marken – unglücklicherweise, weil Parmigiani noch nicht so berühmt ist. Glücklicherweise, weil unsere Kunden unsere Uhren der Uhren wegen und nicht der Marke wegen kaufen.

Was ist das Besondere an Parmigiani? Viele unserer Entwicklungen sind patentiert, dazu kommt eine hohe Qualität beim Finish, besonderes Design und die Tatsache, dass wir alles selbst produzieren, was wir für hochqualitative Uhren brauchen – und das ist selbst in der Schweiz eine Seltenheit.

Ein Beispiel bitte. Wir haben bei Parmigiani einen Mann, der nur Schrauben macht. Wobei „nur“ das falsche Wort ist. Wenn Ihnen dieser Mann seine Schrauben zeigt, haben Sie unweigerlich das Gefühl, dass er Ihnen etwas absolut Einzigartiges bietet. So klein! So perfekt! Sie müssen wissen, wir machen auch die Schrauben für Lange & Söhne, für Patek Philippe. Unsere Schrauben sind einfach unglaublich. Und nicht nur die.

Und dem Mann, der die Schrauben macht, wird nie langweilig? Niemals! Das ist sein Leben. So wie ich nie aufhöre, an Uhren zu denken, tagsüber, in der Nacht, am Samstag, am Sonntag und während der Woche sowieso, widmet sich unser Spezialist für Schrauben einfach nur den Schrauben. Er lebt seine Arbeit. Ich lebe meine.

Von der Leidenschaft zum Profanen: Wie viele Uhren stellt Parmigiani jährlich her?  Das ist nicht wichtig (macht eine wegwerfende Handbewegung), ungefähr 6.000, aber das ist absolut unwichtig. Am Ende des Monats bezahle ich unsere Mitarbeiter nicht mit Uhren, sondern mit Geld. Weshalb es nicht unser Ziel ist, viele Uhren zu machen, sondern Gewinn.

Also interessieren Sie Zahlen schon? Nein. Ich beschäftige mich lieber mit den Veränderungen im Luxus-Business. Ich finde, Luxuriöses muss rar sein. Wenn es das nicht ist, dann wurde maschinell produziert – und das ist kein Luxus. Ich bin froh, in einer Firma zu arbeiten, in der wir uns die Zeit nehmen, unsere Arbeit richtig zu machen.

Warum tragen die Menschen – in Smartphone-Zeiten – überhaupt noch Uhren? Ich mag Smartphones, wir dürfen unser Augen nicht vor der Zukunft verschließen. Die Erklärung ist einfach: Je mehr Technik du lebst, desto mehr suchst du nach etwas, das von Hand gemacht ist. Deshalb würde es mich auch freuen, wenn die Smartwatches erfolgreich würden. Bisher hat es ja nicht geklappt.

Vielleicht liegt es daran, dass ein Visionär wie Steve Jobs fehlt – wären Sie gerne ein Guru wie der Apple-Pionier? Nein.

Warum nicht? Weil mir die Fähigkeiten fehlen. Ich versuche, dass sich unsere Angestellten wohlfühlen, um Spaß an der Arbeit zu haben. Können Sie sich vorstellen, acht Stunden zu arbeiten, ohne dabei glücklich zu sein?

Nein. Eben, das wäre ein Katastrophe. Ohne Leidenschaften geht gar nichts. Ich wollte immer Musiker werden, aber ich kann nicht Klavier spielen, ich kann nicht Gitarre spielen – das hat mich frustriert. Dann wollte ich Regisseur werden. War aber auch nichts, bis ich zu meinem Vater gesagt habe, ich studier’ halt Wirtschaft …

Haben Sie jemals probiert, Klavier zu spielen? Klar, ich habe Klavier versucht, Gitarre, Saxofon, aber alle Lehrer haben gesagt, bitte, bitte, lassen Sie’s, Sie haben kein Talent. Wenn ich in unserer Design-Studie bin, versuche ich manchmal zu skizzieren, wie ich mir eine bestimmte Uhr vorstelle, aber ich weiß nicht, wie – unsere Designer sagen mir: Erkären Sie’s mir lieber, Ihre Skizzen sind schrecklich.

Was macht eine Uhr schön? Was ist schön? Ich sage zu jedem Kunden: Sagen Sie mir nicht, Ihre Uhr ist nicht schön. Sagen Sie, Sie mögen sie nicht. Aber wenn Sie mir sagen diese Uhr ist nicht schön, regt mich das auf. Also, was ist eine schöne Uhr? Die, die Sie mögen, würde ich sagen. Ich habe keine andere Antwort. Manche mögen Fleisch, manche nicht. Manche mögen Fisch, manche nicht. Das ist es, was diese Welt so fantastisch macht. Jeder ist anders. Es gibt viele schöne Uhren, aber für mich, um ein bisschen ernsthafter zu werden, muss eine Uhr schöne Proportionen haben, sie muss angenehm zu tragen sein. Die Farbe ist sehr wichtig, Schauen Sie sich die Farben im Uhren-Business an – eine Katastrophe! Dabei beschert uns die Natur die schönsten Farben. Wir müssen nur der Natur folgen, nicht sie bekämpfen. Man muss an der Farbe des Zifferblattes lange arbeiten. Das Zifferblatt ist das Gesicht einer Uhr, das erste, was man wahrnimmt – wenn du das nicht magst, ist es schnell zu spät.

Noch immer wird gerne darüber debattiert, wie groß eine Uhr sein muss. Lächerlich. Oder würden Sie eine Dame, mit der Sie tanzen wollen, fragen, wie viele Kilo sie hat? Du magst sie so, wie sie ist. Eine schöne Uhr kann klein und groß sein. Ich möchte schöne Uhren produzieren, aber noch wichtiger ist es mir, Uhren zu produzieren, die eindeutig Parmigiani sind.

JEAN-MARC JACOT. Der heute 65-Jährige wurde am 6. September 1949 in Le Locle im Schweizer Kanton Neuenburg geboren. Nach einer kaufmännische Ausbildung startete er bei Bulova, danach mehrere Stationen im Uhren-Business. Seit 2000 für die Sandoz-Familienstiftung tätig, der auch Parmigiani Fleurier gehört.

PARMIGIANI. 1976 eröffnete Michel Parmigiani seine Uhren-Werkstatt – eine Idee, die für Kopfschütteln sorgte. Bis er die Familie Sandoz kennenlernte, die ihn davon überzeugte, statt seiner kleinen Werkstatt eine große Marke zu gründen – der Start einer Erfolgsstory.