Sarah Connor: Deutsch, direkt und sehr intim in Wien

Sarah Connor - demnächst von der Sonne ins Rampenlicht /// Bild: Nina Kuhn

Sie singt deutsch? Sarah Connor? Muss das denn sein?, fragst du dich. Und dann hörst du ihr neues Album „Muttersprache“ und freust dich, ist gut geworden, wirklich gut – am 16. April 2016 gastiert sie in der Wiener Stadthalle

Sarah stößt das doppelflügelige Fenster der Edward VII-Suite im Palais Coburg auf. Straßenlärm dringt gedämpft zu uns herauf. Auf meine letzte, natürlich hintergründig und enorm sophisticated angelegte Frage, ob ihr etwas fehle, hatte sie gesagt: „Ich hätte gerne eine Zigarette.“ Deshalb stehen wir jetzt hier am Fenster. Ich gebe ihr Feuer und frage mich, warum sie „Music“ in Großbuchstaben auf ihren rechten Mittelfinger tätowiert hat, vergesse die Frage dann aber auch gleich wieder und kann deshalb nur vermuten, dass „Music“ die freundlichere, aber nichtsdestotrotz deutliche Version eines weit derberen Wortes darstellt. Egal, wir rauchen also, und ich frage Sarah, warum sie gewusst hat, dass mir „Deutsches Liebeslied“ am besten gefallen hat. „Ich hab’ dich gesehen, die Lederjacke, den Bart, und hab’ mir gedacht, dass dir so alte Soul-Sachen gefallen.“ – „Da hast du recht“, sage ich und habe das Gefühl, ein fast privates Gespräch zu führen. Aber nur für einen Augenblick. Denn dann sagt Sarah: „ Und ich habe bei den ersten Listenings schon mitgekriegt, dass Männer diesen Song mögen, da könnt ihr euch wieder ein bisschen frei fühlen, da könnt ihr alle noch mal so sein wie früher.“ Alles klar, zurück zum Interview.

Lass’ mich aus deinem „Deutschen Liebeslied“ zitieren: „Hätt’ nie gedacht, dass es mal sowas gibt“  – woher hast du gewusst, dass du auf Deutsch singen musst? Gewusst habe ich es nicht, ich habe es nach „Sing my Song“ einfach mal probiert. Ich wollte meine Geschichten erzählen, den Hörern so nah’ wie möglich kommen. Und das geht in Deutschland besser, wenn ich in meiner Muttersprache singe.

Nie Angst gehabt? Im Gegenteil. Als ich begonnen habe, habe ich gedacht, das ist schön, das ist toll, das macht Spaß. Es ging nicht darum, alle Facetten meiner Stimme zu zeigen, wo ich diese Balladen singe, wo ich mich stimmlich wahnsinnig austobe, es ging darum meine eigenen Geschichten elegant – ja, elegant ist das richtige Wort –, gefühlvoll in Musik zu übersetzen.

Woher ist das Selbstvertrauen gekommen? (lacht) Keine Ahnung, das musste wachsen.

Hast du dich manchmal – wie in „Mit vollen Händen“ –, gefragt, „wie wäre es wohl gewesen, hätte ich die andere Tür’ genommen“? Ganz und gar nicht. Das Allerwichtigste ist, dass dass es keine Stagnation gibt – weil das war beim letzten Album so, und auch bei dem davor, da hab’ ich mir schon gedacht, das hat mit Kunst nix mehr zu tun, ich mach’ hier nur noch meinen Job. Ich singe Songs, die andere für mich schreiben. Das ist blutleer. Da fehlt die Leidenschaft. Und ich war in dieser Lebensphase auch nicht richtig bei der Sache – darum habe ich alles in Frage gestellt. Ich wollte Songs schreiben. Und ich hatte das Gefühl, jetzt erlauben, Fehler zu machen.

Was war das besonders Reizvolle daran? Es ist alles anderes. Weil ich zum ersten Mal alles selbst mache. Gleichzeitig aber auch begrenzt in meinen Fähigkeiten bin. Ich bin angewiesen auf Musiker und Produzenten, die mit mir das rausarbeiten, was ich will. Ich hatte nur zwei vorgaben: Inhaltlich muss es total ehrlich sein, also ohne Füllwörter, ohne große Metaphern, ohne blumige Sprache, sondern direkt – so wie ich auch bin. Ganz klar, die Sachen beim Namen zu nennen, das war mein Ziel.

Ist es deshalb so erfreulich intim geworden? Ja, das ist halt zum ersten Mal meines; Songs, die aus mir kommen, aus meinem tiefsten Inneren. So intim, so persönlich war es noch nie.

SarahConnorSo konkret vermutlich auch noch nie. Stimmt, es geht um ganz konkrete Menschen, um ganz konkrete Geschichten. Da gibt es den Unaussprechlichen, den jede Frau einmal hatte. „Kommst du mit ihr“ ist ein gutes Beispiel. Da geht es darum, genau diesen Moment zu beschreiben, wo du nachts um vier herumsitzt und nicht weißt, was der Typ gerade mit der anderen Frau macht. Der Song hieß erst „Fliegst du mit ihr“. Aber als ich am nächsten Tag ins Studio gekommen bin, habe ich gesagt, das ist Bullshit, Leute, keine Sau würde sagen, fliegt der jetzt mit ihr – die ehrliche Frage ist: hat er jetzt mit ihr genau den gleichen Sex wie mit mir?

Was empfindest du, wenn du wie in Deutsches Liebeslied singen, „du bist die Hölle, in die jedes Mädchen will“? Na, da geht es natürlich darum, dass Frauen immer den Bad Guy wollen.

Komisch, oder? Völlig bescheuert. Aber die unerfüllten Lieben sind die schönsten.

Weil die Gefühle am intensivsten sind? Weil es wie eine Droge ist, weil du extrem hoch fliegen kannst, wenn du zwischendurch extrem tief bist. Bei mir ist das zumindest so.

Mir ist nicht ganz klar, wer hat getextet, wer hat die Musik geschrieben – war das Teamwork oder ein einsamer Kampf? Die Themen sind alle meine. Ich habe mich ständig hinterfragt. Ich wollte mich nicht verbiegen, auch nicht aus Höflichkeit.

Das heißt, du bist so etwas wie die Dirigentin? Schon, aber ich bin auch angewiesen auf den Austausch mit den Jungs, mit Ulf und Peter (Ulf Sommer und Peter Plate, Anm.) hatte ich zwei wunderbare Partner, die mich von Anfang an total unterstützt haben.

Ist es leichter auf Deutsch oder auf Englisch zu singen? Auf Deutsch ist es auf jeden Fall anspruchsvoller. Weil du dich nicht verstecken kannst. Du verrätst viel mehr von dir. Weil dein Ton durchkommt, weil man hört, ob du obszön oder vulgär bist.

Wie nah komm’ ich dir, wenn ich das neue Album höre? Wahrscheinlich näher als mir am Anfang bewusst war.

In „Augen Auf“ leistet du dir ein politisches Statement. Fürchtest du nicht, vereinnahmt zu werden? Warum, was meinst du damit? Glaubst du, dass es gefährlich wird?

Du singst, „Wer ist dieser Gott von dem sich alle erzählen, für den Menschen sterben und andere quälen, der zulässt, dass Frauen hinter Männern gehen“ – die Pegida wird sich darüber freuen. Den Text hatte ich schon lange im Kopf. Grundsätzlich ist der Song ein Appell für Menschlichkeit und Wärme. Schließlich gehört auch zu meiner Verantwortung als Künstlerin, auch zu fragen, was jeder tun kann. Natürlich auch ich, also, würde ich es gut finden, wenn Flüchtlinge neben mir einziehen?

Und – würdest du? Ich würde sie auch in meinem Haus aufnehmen, das ist aber nicht so einfach.

Das heißt, du hast gefragt, wie’s geht? Ja, ich hab’ auch engen Kontakt zu Flüchtlingsheimen.

In „Das Leben ist schön“ wünscht du dir, dass nach deinem Tod gelacht und gefeiert wird – wie ist denn dein Gott? Ich weiß nicht wie er aussieht, aber er ist auf jeden Fall da. Ich glaube auch ganz extrem an Engel und Geister, und ich spreche auch viel mit ihnen.

Was erzählst du ihnen? Ich bitte sie um Hilfe, ich bedanke mich. Die helfen mir immer – wenn ich was suche, zum Beispiel. Das solltest du einmal probieren.

Fehlt dir derzeit irgendwas? Ich hätt’ gerne eine Zigarette.