Sneakers: Triumph der Lässigkeit

V.N.R. – Luxus-Sneaker von Louis Vuitton

Auf leisen Sohlen haben sie die Welt erobert. Sie werden geliebt, gepriesen und zu Kopfschüttel-Preisen gehandelt. Der Siegeszug der Sneakers – eine Analyse in achteinhalb Schritten

We make a good team, my Adidas and me
Run DMC, My Adidas

Schritt 1 ~ Ich habe Turnschuhe gehasst. Inbrünstig (ein ebenso schönes wie altmodisches Wort, das den passenden Sound zu meiner Ablehnung liefert). Für den idealen Full-Brogue wäre ich bis ans Ende der Welt gegangen, und glänzten meine Schuhe nicht, stürzte mich dieser Umstand in tiefe Depressionen. Glücklich hingegen war ich (und diesen Moment habe ich mir bis heute bewahrt), als ich erfuhr, dass sich Kratzer im Leder mithilfe eines Shoebone – gefertigt aus dem Vorderlauf einer Hirschkuh – auspolieren lassen. Heute trage ich Sneakers. Die Schuhe von damals hole ich so selten hervor, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wann ich welches Paar zuletzt vom Spanner genommen habe. Dafür hat mich der Kauf meines aktuellen Adidas-Campus-Modells über Wochen beschäftigt.

Schritt 2 ~ Sneakers haben also meine Welt erobert. Meine, selbst meine, und den Rest sowieso. Anders als es heute scheinen mag, waren sie aber keineswegs schon immer da. Natürlich erinnern wir uns an die ikonischen Bilder von James Dean (1931–1955) oder Steve McQueen (1930–1980) in ihren Jack-Purcell-Sneakers. Wir wissen, dass Sean Penn schwarz-weißen Vans mit seiner 1982er-Komödie „Fast Times at Ridgemont High“ (dt. „Ich glaub’, ich steh’ im Wald“) einen in der Firmengeschichte dankbar verzeichneten „Major Moment“ bescherte. Und dass Adidas seinem Modell „Superstar“ erst mithilfe der Rapper von Run DMC den im Namen bereits vorweggenommenen Status angedeihen lassen konnte. „Sie haben den Superstar zu einem Musterbeispiel urbaner Mode gemacht“, sagt Elizabeth Semmelhack, Kuratorin am Bata Shoe Museum von Toronto, Kanada, und ausgewiesene Sneaker-Expertin.

Schritt 3 ~ Tatsächlich waren Sneakers lange Zeit Luxusgut. Gummi war teuer. Und die Arbeiter hatten Mitte des 19. Jahrhunderts schlicht keine (Frei-)Zeit für Vergnügungen auf leisen Sohlen. Erst als der Erste Weltkrieg (1914–1918) zeigte, wie schlecht der körperliche Zustand der Menschen war und die US-Regierung Fitness, inklusive Gym-Besuch, pushte, wurden Sneakers erstmals Allgemeingut. Auch dank cleverer Promoter wie Chuck Taylor. Der ehemalige Basketballspieler (1901–1969) schlüpfte erstmals 1918 in „Chucks“, damals noch schlichte Converse. Erst fünf Jahre später sollten sie seinen Namen tragen. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes, als charakteristisches Logo mit der unverkennbaren Unterschrift. „Er gab der Marke Authentizität“, sagt Frau Semmelhack.

Schritt 4 ~ In den nächsten hundert Jahren sollte sich der Kreis „auf eine verrückte Art“ (Semmelhack) schließen. Gucci (1984) und Prada (1986) erkannten früh das Potenzial der Sneakers, blieben aber eindeutig ihrer sportlichen Seite zugewandt. Erst Adidas schaffte es, 16 Jahre nach Run DMC „My Adidas“ High Fashion und Street Style zu verknüpfen – und zwar im Jahr 2002, als die Designer Yohji Yamamoto und Jeremy Scott erstmals ältere Adidas-Modelle neu interpretierten. Wer glaubt, dies wäre der allgemeine Durchbruch gewesen, der irrt. Noch 2010 widmete die österreichische Modeexpertin Irmie Schüch-Schamburek in ihrem Buch „Dresscode Mann“ dem Sneaker nur einige wenige Zeilen: „Der Sneaker ist ein für den Freizeitbereich abgewandelter Sportschuh, der früher hauptsächlich von Jugendlichen getragen wurde. Mittlerweile hat sich dieser Sportschuh in hochwertiger Lederausführung einen fixen Platz in der Casual-Bekleidung erobert.“ Ihr deutscher Kollege Bernhard Roetzel erkannte zwar drei Jahre später, „Sneaker sind das T-Shirt als Schuh“, wirklich abgewinnen konnte er ihnen allerdings nichts: „Objektiv spricht für die meisten Modelle nur wenig, meistens bekommt man von ihnen Schweißfüße oder friert, Dämpfung und Fußbett gibt es in Vintage-Modellen nicht.“

Schritt 5 ~ Und dann kam Kanye West in die Sneaker-Welt. Der Rapper kollaborierte (wie das mittlerweile heißt) mit Louis Vuitton. Und verlieh den einstigen Turnschuhen endgültig Flügel. Aktuelles Preisbeispiel: Neue Versionen des V.N.R. (Abkürzung für Vuitton New Runner) gibt es um 850 Euro. Ähnlich teuer sind die Sneakers anderer Luxusbrands: Givenchys Active Sneakers kosten 595 Euro, Valentinos Garavani Rockrunner 610 Euro und Vetements’ Reebok-Interpretation 555 Euro. Nichts, was echte Fans den Kopf schütteln lässt. Im Gegenteil: Um besondere Modelle zu ergattern, campen sie vor Releases tagelang vor den weltweit wichtigsten Shops. Oder suchen auf Sneaker-Börsen, Online-Plattformen wie stockx.com, flightclub.com oder presentedbyklekt.com, nach ihren Favoriten. Dort werden Schuhe wie Adidas NMD Red Apple um mehr als das Zehnfache ihres Einstandspreises gehandelt (aktuell 6.900 Dollar, also rund 5.900 Euro). Ein Umstand, der den großen Playern nicht entgeht. Der Reale-Markt ist längst ein weltweites Milliarden-Geschäft. Wenig überraschend, dass LVMH Luxury Ventures erst jüngst Anteile an der Resale-Plattform Stadium Goods erworben hat. Wie viel der Konzern dafür bezahlt hat, ist nicht bekannt. Stadium-Goods-Mitbegründer Jed Stiller sagte nur: „Um weiter zu wachsen, brauchen wir zusätzliches Kapital.“

Schritt 6 ~ Dass Sneakers Big Business sind, ist wenig überraschend (oder was tragen Sie gerade?), selbst außerordentlich gediegene und zurückhaltend agierende Brands wie Bottega Veneta oder Ermenegildo Zegna können sich dem anhaltenden Boom nicht entziehen. Sneakers lieben alle. Ob Popsternchen oder Demnächst-Prinzessin.

Als ich 14 war und begonnen habe auszugehen, wollte ich immer anders aussehen als die anderen Mädchen – ich trug Polos, Pants und Sneakers und einen Hut.

Rihanna

Und Meghan Markle meint: „Zieh einen Sweater an und Sneakers mit einer großen Lasche und du siehst sofort stylisch aus.“ Oder, um der Damenwelt nicht das letzte Wort zu überlassen, Designer Giuseppe Zanotti: „Sneakers stehen für eine neue Ära.“

Schritt 7 ~ Signore Zanetti hat recht. Aber wie sieht sie aus, diese neue Ära? Lässt sich das Zeitalter der Sneakers beschreiben? Erstaunlicherweise geschieht diese kaum oder nur höchst allgemein. Die deutsche Wirtschaftspsychologin Alexandra Hildebrandt etwa meint: „Das Einfache (wie z. B. ein Sneaker) wird immer beliebter, je komplexer, unübersichtlicher und unsicherer die Welt wird – Dinge, die Menschen Halt geben und ihr selbstbestimmtes Denken und Handeln buchstäblich in Form bringen. … Die Schuhe passen zu allem und stehen für eine überschaubare Welt, die zugleich die Sehnsucht nach einer Zeit erfüllt, die noch nicht aus den Fugen war.“ Sebastian Strudel von der Digitalagentur Leo Burnett ist überzeugt, dass Authentizität eine große Rolle spielt: „Mein Sneaker ist schon jetzt einer der wenigen Konsumgüter, dem ich überhaupt noch erlaube, ein Stück weit meiner Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen.“

Was du trägst, bestimmt, wer du bist – and it always starts with your shoes.
Winona Ryder

Schritt 8 ~ Schöne Gedanken, wenig aufschlussreich. Aber nehmen wir all das ernst und fügen wir Überlegungen noch eine Anregung der US-Schauspielerin Winona Ryder hinzu. „Was du trägst“, sagte sie, „bestimmt, wer du bist – and it always starts with your shoes.“ Was also beginnt mit unseren Schuhen, was machen Sneakers mit uns? Zweifelsohne verleihen sie uns – ähnlich wie James Dean oder Kanye West – eine gewisse Lässigkeit, Leichtigkeit, Unbeschwertheit. Freizeit-Feeling rund um die Uhr. Aber lässt es sich permanent lässig leben? Oder führt Lässigkeit ohne Ende unweigerlich zu Nachlässigkeit? Zu einem Verlust der Aufmerksamkeit? Schleichen wir auf leisen Sohlen in ein neues Paradies der Ahnungslosigkeit? Interessante Fragen für muntere Philosophen. Allerdings nicht ganz so bequem wie ein Turnschuh, der als Sneaker die Welt verändert.

Ultraboost Parley – ein guter Schuh, auch aus moralischer Sicht: Er wurde aus elf Plastikflaschen gemacht.

Schritt 8 1/2 ~ Wir vermuten, dass den Sneakers Schlapfen auf dem Fuß folgen werden. Was dafür spricht? Dass die herrlichen Birkenstock jetzt glänzen.